Der Wuling Pass ist kein gewöhnlicher Gebirgspass – er ist ein Mythos. Hoch oben, auf 3.275 Metern über dem Meeresspiegel, windet sich die höchste asphaltierte Straße Taiwans durch die Zentralberge. Wer hier hinauftritt, bewegt sich nicht nur durch wechselnde Klimazonen, sondern auch durch die Geschichte des Landes. Ursprünglich war der Pass ein Pfad der Atayal, einer indigenen Bergbevölkerung. Während der japanischen Kolonialzeit wurde er vom Generalgouverneur Sakuma Samata strategisch ausgebaut, um Truppen und Material über die schwer zugänglichen Höhen zu transportieren, und trug den Namen Sakuma-Pass. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte die Regierung in Taipeh den Ausbau fort und gab der Strecke den heutigen Namen „Wuling“ – als Symbol für die Überquerung der Berge, für Stärke und Beständigkeit.

Wuling Pass – Sehnsuchtsort für Radsportler
Heute ist die Straße Teil des legendären Central Cross-Island Highway – und in der Radszene längst zu einem Sehnsuchtsort geworden. Kaum ein Anstieg in Asien ist härter, kaum einer ikonischer. International bekannt wurde der Pass durch die Taiwan KOM Challenge – das Rennen gilt vielen als das härteste Radrennen Asiens. Ursprünglich startet das Event am Küstenstrand von Qixingtan Beach bei Hualien und folgt auf rund 107 Kilometern und über 3.000 Höhenmetern der östlichen Route bis zum Gipfel. Selbst Weltklasse-Fahrer wie Vincenzo Nibali kommentierten nach der Zielankunft: „Ich bin in meinem Leben noch nie einen so langen und harten Anstieg gefahren.“ Ein Satz, der den Ruf des Wuling endgültig als heiligen Gral des taiwanesischen Radsports zementierte.
Für 2025 wurde der Kurs jedoch verändert. Naturereignisse wie Erdbeben, Erdrutsche und Wegsperrungen entlang der traditionellen Ostroute machten Anpassungen nötig: Die 2025er Ausgabe führte über etwa 203 Kilometer entlang der Pazifik Küste, hinein in die Berge und dann der Küste entlang zurück nach Hualien. Damit entstand eine neue Challenge, eine weitere Herausforderung für alle Teilnehmer der Taiwan KOM 2025.
» Hier mein Report zur KOM Challenge Pacific Classic 2025
Doch der Wuling ist mehr als nur ein sportlicher Prüfstein. Er erzählt von der Verbindung zwischen Mensch, Straße und Natur. Von Nebel, der sich zwischen Sträuchern und satten grünen Bäumen verfängt, von Sonne, die durch Wolkenfenster auf den Asphalt fällt, und von der Faszination, die bleibt, wenn das Meer weit hinter einem liegt und das Land unter Wolken verschwindet. Wer hier oben steht, auf dem Dach Taiwans, hat mehr als 3.000 Höhenmeter und unzählige Serpentinen in den Beinen – und das Gefühl, eine kleine Expedition mit dem Rennrad bewältigt zu haben.


Die klassischen Rennrad-Routen zum Wuling Pass
Drei klassische Rennrad-Routen führen auf das „Dach Taiwans“, jede mit eigenem Charakter, Klima und Rhythmus:
» Ostseite (Taroko-Schlucht): 85 km, 3.200 Höhenmeter. Startet an der Ostküste, folgt dem Highway 8 nach Dayuling, dann auf den Highway 14A zum Gipfel. Gilt als härteste Variante. Aktuell nicht befahrbar.
» Westseite (Puli): 53 km, 2.800 Höhenmeter. Highway 14 führt durch sattgrüne Täler und vorbei an der Qingjing Farm. Kürzer, aber sehr fordernd.
» Nordseite (Wuling Farm): 62 km, 2.300 Höhenmeter. Highway 7A über Lishan, dann auf Highway 8 und 14A zum Gipfel. Ruhiger, landschaftlich eindrucksvoll und beliebt bei Radreisenden.
Unsere Route zum Wuling Pass
Und dann gibt es noch die Nordost-Route. Die Route, die ich für uns geplant und gewählt habe – die längste zusammenhängende Auffahrt überhaupt: Luodong – Datong – Lishan – Dayuling – Wuling Pass
Start: Luodong, Meereshöhe (~20 m)
Ziel: Wuling Pass, 3.275 m ü. NHN
Distanz: 154 km
Höhenmeter: 4.784 hm
Charakter: extrem – sehr lange Distanz, permanente Steigungen, kurze Entlastungsabschnitte

Damit ist diese Rennrad-Route nicht nur die längste, sondern auch eine der härtesten Varianten überhaupt. Sie vereint das Beste – und das Anspruchsvollste – aller drei klassischen Wuling-Auffahrten: die landschaftliche Vielfalt und Abgeschiedenheit der Nordroute, die Höhenmeter der Westseite und die epische Länge der Ostauffahrt. Was sich auf der Karte als feine Linie durch das Gebirge zieht, entpuppt sich in der Realität als ein Marathon aus Steigung, Wetterwechsel und Höhenluft.
Von der Küste bei Luodong bis zum Pass hinauf bleibt die Straße nahezu ununterbrochen im Anstieg. Kurze, scheinbar flache Abschnitte gibt es nur im Talboden rund um Lishan, wo Obstplantagen und kleine Gasthäuser in der Sonne liegen – ein trügerischer Moment der Erholung, bevor der Asphalt wieder gnadenlos nach oben zieht. Der letzte Teil von Dayuling bis zum Gipfel ist berüchtigt wegen der Steilheit von bis zu 27 Prozent und tut auch wirklich weh.
Die Nordost-Variante ist einsam, lang und kompromisslos. Sie fordert Geduld und auch mentale Stärke. Diese Kombination macht die Nordostroute zu einem echten Prüfstein. Hier zählt weniger die pure Leistung als die Ausdauer, das ruhige Treten, das mentale Durchhalten. Jeder Kilometer bringt neue Landschaften, neue Temperaturzonen, neue Gedanken. Wer diese Auffahrt bewältigt, hat nicht nur den höchsten mit dem Rennrad befahrbaren Punkt Taiwans erreicht – sondern eine Route gefahren, die selbst unter einheimischen Radsportlern als fast mythisch gilt.
Der Charakter dieser Route ist einzigartig: von Bambus zu Zedern, von Fischerdörfern zu Bergfarmen, von 30 Grad im Tal zu einstelligen Temperaturen in den Hochlagen. Ein epischer Übergang, der den Aufstieg zum Wuling Pass nicht als schnellsten oder steilsten, sondern als wohl grandiosen Anstieg Taiwans ausweist.
| Route | Distanz | Höhenmeter | Charakter & Highlights |
|---|---|---|---|
| Ostseite (Taroko) | 85 km | 3.200 hm | KOM Variante, spektakuläre Schluchten, meist viel Verkehr, teilweise gesperrt. Aktuell nicht befahrbar. |
| Westseite (Puli) | 53 km | 2.800 hm | Kürzer, aber steil, führt durch grüne Täler & Qingjing Farm |
| Nordseite (Wuling Farm) | 62 km | 2.300 hm | Ruhiger, landschaftlich eindrucksvoll, weniger Verkehr, beliebt bei Radreisenden |
| Nordost-Route (Luodong) | 154 km | 4.785 hm | Längste, extremste Route, permanente Steigungen, nur kurze Talabschnitte, landschaftlich vielfältig von Küste bis Hochgebirge |
Meine Gedanken zu den Routen 🙂
Beim Schreiben dieses Artikels hat sich mir bereits die Frage gestellt: Welche Routen sind eigentlich möglich, um den Wuling Pass mit dem Rennrad zu erklimmen? Also habe ich mir die Karten genau angesehen, Höhenprofile verglichen und sämtliche Varianten in Strava geplant. So wie ich es sehe, gibt es insgesamt fünf realistische Routen, um auf das Dach Taiwans zu gelangen – jede mit ihrem eigenen Charakter, Anspruch und Reiz.
Mit diesen selbst erstellten Routen öffnet sich der Blick noch einmal weiter auf das, was der Wuling Pass wirklich ist: ein Berg, der auf überraschend viele Arten erfahren werden kann. Neben der klassischen KOM-Variante ab Hualien und unserer Nordost-Auffahrt von Luodong habe ich zusätzlich eine Route von Taoyuan über die nördliche Berglinie sowie zwei unterschiedliche Anfahrten aus Taichung ausgearbeitet. Fünf Wege – und jeder erzählt eine eigene Geschichte. Während die Ostroute aufgrund der bekannten Sperrungen weiterhin nicht vollständig befahrbar ist, zeigen diese Alternativen, wie vielfältig die Zugänge zum Wuling tatsächlich sind: lange Hochtäler, steile Rampen, einsame Passstraßen, urbane Starts. Alle Routen sind ambitionierte Tagesfahrten, die bis zu zwölf Stunden im Sattel erfordern können. Geplant bis zum höchsten Punkt, den Wuling Pass auf 3.275 m ü. NHN.
Doch sie alle haben eines gemeinsam: Sie führen dorthin, wo am höchsten Taiwan mit dem Rennrad befahrbar ist, am rauesten und zugleich eindrucksvollsten ist. Jede Route ist ein anderer Blick auf denselben Berg – und jede zeigt, wie sehr der Wuling nicht nur bezwungen, sondern entdeckt werden kann.





Wetter und Gipfelglück
Wer den Wuling Pass mit dem Rad plant, sollte auch das Wetter als entscheidenden Faktor für Sicherheit und Erlebnis betrachten. Regen kann rutschige Straßen und Steinschläge verursachen – wir begegneten an diesem Tag zwei frischen Steinschlagstellen. Kurz zuvor hatten wir noch eine Fotopause eingelegt – wer weiß, was ohne diese kleine Unterbrechung passiert wäre. Für mich ein stiller, aber eindringlicher Reminder, die Berge immer aufmerksam und respektvoll zu erleben.


Für uns zeigte sich jedoch am Samstag der Pass von seiner schönsten Seite. Vom Start in Luodong begleitete uns fast ununterbrochen die Sonne, nur gelegentlich legte sich leichter Nebel wie ein Schleier über die Landschaft. Je höher wir kamen, desto klarer wurde der Himmel. Sonnenstrahlen tauchten die Berge in warmes Licht und ließen die Serpentinen in sanften Kontrasten erscheinen. Stundenlang schien die Straße nur uns zu gehören, begleitet vom leisen Rhythmus unserer Pedale und der stetig kühler werdenden Luft.
Als wir schließlich den Gipfel erreichten, war es bereits dunkel. Über uns öffnete sich der Nachthimmel: ein klares Sternenmeer, durchzogen vom Licht des Mondes, bei nur etwa 6 Grad Celsius. Jeder Atemzug erinnerte daran, dass wir etwas Besonderes erlebt hatten – ein Moment, der die Anstrengungen des Tages sogleich vergessen ließ.
Der Abschluss des Tages
Einziger Wermutstropfen: Wir hatten gehofft, direkt am Gipfel ein Zimmer für die Übernachtung zu finden. Doch am Wuling Pass direkt gibt es kein Hotel oder ähnliches – oder wir hatten einfach nichts gesehen. Die nächstgelegene Unterkunft, die Songsyue Lodge, ist oft Monate im Voraus ausgebucht, wie uns gesagt wurde.
Glücklicherweise trafen wir wieder auf äußerst freundliche Taiwanesen, die uns rieten, noch eine etwa 20 Kilometer lange Abfahrt nach Songgang (Westabfahrt in Richtung Taichung) zu nehmen, um dort eine Unterkunft zu finden. Dort stärkten wir uns erst einmal im 7-Eleven, wärmten uns auf und organisierten uns ein Hotelzimmer. Wenig später lagen wir glücklich, frisch geduscht und erschöpft unter der warmen Decke. Ein Moment, den man nach 154 Kilometern und über 4.700 Höhenmetern mehr als verdient bezeichnen kann.
Meine Tipps:
Früh starten. Wir sind gegen 8:00 los, Das war eigentlich mindestens 3 Stunden zu spät.
Wetter im Auge behalten. Wenn es regnet, kann es wegen rutschigen Straßen und Steinschlägen auch gefährlich werden. Grundsätzlich immer aufmerksam bleiben. Nachdenken, wo man stehen bleibt, Umgebung beobachten. Hochgebirge ist wie überall auf der Welt mit Vorsicht zu geniessen.
Nach 60 Kilometer im Ort Nanshan auf 1.000 m ü. NHN eine Pause machen. Dort findest du lokales Essen, aber auch einen 7eleven und Family Mart. Der Platz ist gut, sich für das, was kommt zu stärken.
Falls du am Gipfel übernachten willst, rechtzeitig früh genug buchen. Es fühlt sich meist ungut an, bei Kälte und Dunkelheit am Gipfel zu stehen, und nach dieser fordernden Auffahrt weiter fahren zu müssen. Falls du dann doch in Richtung Westen abfährst, im nächsten Ort Songgang, nach ca. 21. Kilometer findest du Hotels und wie üblich hier einen 7eleven und Family Mart.


