In Teil 1 ging es um Trainingsphilosophie, Teil 2 behandelte Bekleidung und Sichtbarkeit. Heute wird’s technisch: Wie du dein Rad winterfest machst, glatte Stellen erkennst und technische Pannen vermeidest inklusive Notfall-Lösungen für unterwegs.
Alle Produktempfehlungen basieren auf persönlichen Erfahrungen, und wir werden von keinem Hersteller bezahlt oder bekomme sonst irgendwelche Vorteile. Alle Produkte sind selbst gekauft, bezahlt und haben sich über die Jahre bewährt. Sicherlich gibt es bessere und eventuell auch günstigere Alternativen, wir bieten hier unsere persönlichen Erfahrungen an.
“Im Winter wird fast jede Tour zur Herausforderung – für Material und Fahrer!”
Straße und Untergrund: Die unsichtbaren Fallen
Schnee mag auf den ersten Blick unberechenbar wirken, doch oft bietet er mehr Grip als überfrorene Nässe. Der Grund: Schnee komprimiert sich unter den Reifen und schafft so eine gewisse Haftung. Doch Vorsicht bei Temperaturen um den Gefrierpunkt – hier wird die Straße zur perfiden Falle. Sie wirkt „nur“ nass, ist in Wahrheit aber spiegelglatt. Besonders heimtückisch ist Schwarzeis, das sich kaum von nassem Asphalt unterscheiden lässt. Fahre bei zweifelhaftem Untergrund stets mit reduzierter Geschwindigkeit und bremsbereit.
Doch nicht alle Oberflächen sind gleich: Brücken, Bahnschienen und Gullideckel kühlen schneller ab und frieren daher als Erste zu. Selbst wenn die Straße um sie herum noch grippt, können diese Flächen bereits spiegelglatt sein. Bremsbereitschaft ist hier kein Rat, sondern eine Pflicht. Straßenmarkierungen verwandeln sich bei Nässe oder Eis in Rutschbahnen ohne Vorwarnung – fahre sie nie im spitzen Winkel an, sondern immer möglichst senkrecht.
Schlaglöcher sind die verborgenen Fallgruben des Winters: Salz und Frost formen neue Risse, die unter Schnee oder Eis lauern. Fahre stets mit der Erwartung, dass sich hinter der nächsten Kurve ein Hindernis verbirgt. Kopfsteinpflaster wird bei Temperaturen um 0 Grad zur ultimativen Prüfung – hier gilt: Tempo reduzieren, ruckartige Lenkbewegungen vermeiden und das Rad in einer gleichmäßigen Linie halten.
Radwege werden im Winter oft stiefmütterlich behandelt. Auf der Fahrbahn bist du meist besser aufgehoben – nutze die Autospuren, wo der Untergrund kompakter ist. Aber: Halte ausreichend Abstand zu parkenden Fahrzeugen!
Die Jahreszeit birgt einen unerwarteten Vorteil: Bei Dunkelheit erkennst du die Scheinwerfer entgegenkommender Autos früher als am Tag. Nutze diese Sichtweite, um die Ideallinie durch Kurven präzise zu halten. So kannst du nicht nur sicherer, sondern mitunter sogar schneller unterwegs sein als bei Tageslicht.
Bremsen und Lenken: Die Kunst der Zurückhaltung
Im Winter wird jede Bremsung zur Übung in Geduld. Die Kälte verlängert die Bremswege, als würde die Zeit langsamer tickern. Früher bremsen, sanfter dosieren, die Balance wahren – ein abruptes Zupacken der Bremshebel führt auf glattem Untergrund unweigerlich zum Kontrollverlust. Baue die Bremskraft gleichmäßig auf, als würdest du einen empfindlichen Mechanismus justieren. Die richtige Balance zwischen Vorder- und Hinterrad ist entscheidend: Zu viel Gewicht vorne riskiert einen Sturz, zu wenig lässt das Rad seitlich wegrutschen.
Auf Eis und Schnee wird deine Dropbar zum Präzisionsinstrument. Ruckartige Bewegungen sind tabu – sie brechen das fragile Gleichgewicht zwischen Reifen und Untergrund. Lenke weich und vorausschauend, als würdest du einen unsichtbaren Faden durch eine Nadel ziehen. Jede Bewegung sollte fließend sein, als tanzt du mit dem Rad über das Eis.
Gravel und Notfälle: Vorsicht statt Waghalsigkeit
Wer sich im Winter auf Gravel wagt, sollte sein Setup anpassen: Breitere Reifen (mindestens 32 mm) sind Pflicht, und der Reifendruck sollte reduziert werden (z. B. auf 2,5 bar), um die Kontaktfläche zu vergrößern. Im Wald ist die Kälte oft noch intensiver, und die Wege sind selten geräumt. Hier wird jede Fahrt zum Abenteuer, bei dem Vorsicht über Mut siegt.
Doch selbst die beste Vorbereitung kann den Moment nicht verhindern, den jeder fürchtet: Das Rad bricht weg, die Welt scheint stillzustehen. Jetzt gilt: Keine Panik, kein reflexartiges Gegenlenken. Versuche stattdessen, das Gleichgewicht zu halten, als würdest du auf einem schmalen Grat balancieren. Brems sanft ab, fast zärtlich, als würdest du ein wildes Tier beruhigen. Oft reicht schon eine minimale Gewichtsverlagerung, um die Kontrolle zurückzugewinnen.
Das Rad winterfest machen
Breiter, weicher, schlauchbewährt: Die Kunst der Winterbereifung
Im Winter wird die Wahl der Reifen zur Frage der Sicherheit – und der Vernunft. Breiter ist nicht nur besser, es ist oft überlebenswichtig. Die kalte Jahreszeit verlangt nach Bereifung, die nicht nur Haftung bietet, sondern auch den unberechenbaren Launen von Eis, Schnee und Salz trotzt.
Unsere Erfahrung hat zu einer klaren Präferenz geführt: Auf der Straße setzen wir auf Pirelli Velo 4S oder Continental GP 5000 AS TR, beide mit mindestens 32 Millimetern Breite. Wer auf Gravel unterwegs ist, sollte zu Hutchinson Caracal Race TLR (45-622) greifen. Diese Reifen bieten nicht nur die nötige Auflagefläche, sondern auch das Vertrauen, das man braucht, wenn der Untergrund plötzlich zur Rutschpartie wird.
Tubeless? Ein klares Nein. Die Dichtmilch, die im Sommer noch zuverlässig ihre Arbeit verrichtet, wird bei Minusgraden zum Risiko: Sie gefriert, verliert ihre Wirkung und kann im schlimmsten Fall zu einem plötzlichen Druckverlust führen. Daher: Immer einen Ersatzschlauch (Butyl oder TPU) mehr dabei haben als sonst üblich. Persönlich habe ich diese Lektion auf die harte Tour gelernt – während einer Festive 500 erlebte ich einen Platten, verursacht durch gefrorene Dichtmilch. Seitdem fahre ich im Winter ausschließlich mit Schläuchen, und selbst im Sommer greife ich aus anderen Gründen oft darauf zurück.
Ein weiterer entscheidender Faktor ist der Reifendruck. Im Winter reduziere ich ihn bewusst – mehr Auflagefläche bedeutet mehr Grip. Ein hilfreiches Werkzeug ist hier der Silca Reifendruckrechner, der hilft, den optimalen Druck für die jeweiligen Bedingungen zu finden. Wer zu hart fährt, riskiert nicht nur Komfort, sondern auch die Kontrolle.
Schaltung & Bremsen: Wenn die Kälte die Technik herausfordert
Die Winterkälte ist nicht nur für den Fahrer eine Herausforderung, sondern auch für die Technik. Elektronische Schaltungen wie SRAM AXS oder Shimano Di2 haben hier klare Vorteile. Die Akkus der SRAM AXS-Systeme (ob Apex, Rival, Force oder Red) lassen sich schnell tauschen – ein entscheidender Pluspunkt, denn Kälte verkürzt die Laufzeit erheblich. Ersatzakkus von MTBIGROCK (über Aliexpress) sind günstig und funktionieren einwandfrei. Auf langen Touren sollte man immer einen Ersatzakku dabei haben, denn nichts ist frustrierender, als mitten in der Einöde mit einer leeren Schaltung dazustehen.
Doch was tun, wenn die Schaltung trotzdem einfriert? Notlösungen sind manchmal simpel – wenn auch unkonventionell. Jonas Deichmanns Methode, einfach „draufzupinkeln“, mag zwar drastisch klingen, aber Wärme ist hier der Schlüssel. Eleganter ist es jedoch, warme Flüssigkeit aus einer Thermoskanne zu verwenden. Wichtig: Bei elektronischen Schaltungen unbedingt vorher den Akku entfernen oder das Kabel vom Schaltwerk trennen! Sonst riskiert man einen Kurzschluss, der die Elektronik ruiniert.
Wer noch auf mechanische Bremszüge setzt, sollte diese regelmäßig ölen oder gleich auf eine hydraulische Bremse umsteigen. Mechanische Züge können bei Frost einfrieren, was nicht nur die Bremsperformance beeinträchtigt, sondern im schlimmsten Fall zu einer kompletten Blockade führt. Hydraulische Scheibenbremsen sind hier die pflegeleichtere Alternative.
Radcomputer & Navigation: Wenn die Kälte die Elektronik lahmlegt
Auch die Navigation wird im Winter zur Herausforderung. Touchscreens sind hier oft nutzlos – sie reagieren mit Handschuhen kaum oder gar nicht. Besser geeignet sind Modelle mit physischen Tasten, wie das Hammerhead Karoo, Wahoo Bolt (V1/2/3) oder die Garmin Edge Modelle (530/830). Sie lassen sich auch mit dicken Handschuhen bedienen und bieten die nötige Zuverlässigkeit.
Ein weiteres Muss: die Powerbank. Akkus entladen sich bei Kälte deutlich schneller, und nichts ist ärgerlicher, als mitten in der Tour ohne Navigation dazustehen. Trage eine kleine USB-Powerbank in der Jackentasche – nah am Körper, wo sie etwas Wärme abbekommt und länger hält.
Das Handy als Navigationsersatz? Nicht ideal. Der Akku gibt bei Kälte schnell auf, und selbst wenn er durchhält, ist die Bedienung mit Handschuhen ein Albtraum. Wer sein Handy trotzdem nutzen will, sollte es ebenso dicht am Körper tragen, um es warm zu halten – und immer die erwähnte Powerbank griffbereit haben.
Fazit: Vorbereitung ist alles – ob Bereifung, Schaltung oder Navigation – im Winter kommt es auf die Details an. Wer seine Technik an die Kälte anpasst, fährt nicht nur sicherer, sondern auch mit mehr Gelassenheit. Und genau das macht den Unterschied, wenn die Straßen glatt sind und die Temperaturen gegen null gehen. Bleibt vorbereitet, bleibt sicher – und genießt die stille Herausforderung des Winterradsports.
Winterpflege: Der unsichtbare Kampf gegen Salz, Kälte und Rost
Der Winter ist kein Feind, der sich mit halben Maßnahmen besänftigen lässt. Er ist ein unerbittlicher Prüfer, der jedes Detail deines Rads auf die Probe stellt – die Kette, die Lager, die Schrauben, selbst den Rahmen. Salz frisst sich durch Metall wie ein stiller Parasit, Kälte lässt Schmiermittel erstarren, und Nässe dringt in jede noch so kleine Ritze, um dort ihr zerstörerisches Werk zu tun. Wer sein Rad durch diese Jahreszeit bringen will, muss es nicht nur fahren, sondern pflegen, schützen und notfalls wiederbeleben. Es ist ein Ritual, das nach jeder Tour beginnt und lange vor der ersten Winterfahrt ansetzt – denn wer hier nachlässig ist, bezahlt später mit rostigen Lagern, steifen Schaltzügen oder schlimmerem.
Nach jeder Ausfahrt, egal wie kurz, folgt die unverzichtbare Reinigung. Kein Aufschub, keine Ausreden. Salz bleibt nicht an der Oberfläche, es kriecht in Lager, Schraubgewinde, sogar in den Rahmen hinein. Unser Werkzeug der Wahl ist ein mobiler Niederdruckreiniger, etwa der Kärcher OC 4, kombiniert mit einem gründlichen Fahrradreiniger. Kein Hochdruckstrahl aus der Tankstelle – der würde nur das Fett aus den Lagern spülen und die Dichtungen zerstören, ein sicheres Rezept für teure Folgeschäden. Stattdessen setzen wir auf einen sanftem Wasserstrahl und einer Schaumkanone, die den Schmutz löst, ohne die Technik zu gefährden. Die Kette wird nicht gewachst – Wachs wird bei Kälte brüchig und nutzlos –, sondern mit einem nassschmierenden Kettenöl von Silca behandelt, das auch bei Minusgraden hält, was es verspricht. Zum Abschluss kommt Muc-Off Bike Protect Spray zum Einsatz, das einen unsichtbaren Schutzfilm über den Rahmen legt, der Salzwasser abperlen lässt. Nie auf die Bremsscheiben sprühen – das wäre ein Freifahrtschein für Bremsversagen.
Doch die wahre Arbeit beginnt bevor der erste Schnee fällt. Alle Schrauben werden mit Copper Paste gefettet, jeder Speichennippel erhält einen Tropfen Öl, um Korrosion zu verhindern. Die Lager – Steuersatz, Tretlager, Laufräder – werden mit einer extra Portion Fett versehen, das wie eine Barriere gegen das eindringende Salzwasser wirkt. Der Freilauf wird gereinigt und neu gefettet, denn nichts ist frustrierender, als wenn er bei eisigen Temperaturen steif wird. Bei elektronischen Schaltungen wie SRAM AXS oder Shimano Di2 werden die Akkus getestet – Kälte verkürzt ihre Laufzeit dramatisch, und ein Ersatzakku ist auf langen Touren kein Luxus, sondern Pflicht. Die Beleuchtung wird geprüft, denn bei kurzen Tagen und schlechter Sicht ist sie nicht nur praktisch, sondern überlebenswichtig.
Wenn der Winter vorbei ist, folgt die große Abrechnung. Das Rad wird komplett zerlegt, gereinigt und neu gefettet. Lager und Freilauf werden geprüft und bei Bedarf getauscht, der Rahmen auf Korrosion untersucht – besonders bei Stahl- und Alurädern, die anfälliger für Rost sind als Carbon. Wer diese Arbeit scheut, gibt sein Rad in die Werkstatt, doch wer sie selbst erledigt, weiß genau, in welchem Zustand sein Material ist. Ein gut gewartetes Rad ist die Grundlage für sicheres Fahren.
Doch selbst die beste Vorbereitung kann Pannen nicht ganz verhindern. Deshalb auf jeden Fall immer ein Notfall-Set dabei: TPU-Ersatzschlauch und eine elektrische Mini-Pumpe für den Fall, dass die Hände vor Kälte kaum noch funktionieren, ein Multitool mit Kettennieter, Frischhaltefolie als Notfall-Windschutz, Kabelbinder und Isolierband für improvisierte Reparaturen. Bargeld ist dabei, weil nicht jeder Bäcker Karte akzeptiert, und das Smartphone liegt am Körper, wo die Körperwärme den Akku am Leben hält. Im Notfall muss es funktionieren – egal, wie kalt es ist.
Am Ende ist Winterpflege keine lästige Pflicht, sondern eine Investition in die Zukunft. Ein sauberes, gut gewartetes Rad ist nicht nur sicherer – es macht auch mehr Spaß. Und wenn die Straßen wieder trocken sind und die Temperaturen steigen, wird man mit einem Rad belohnt, das nicht nur überlebt hat, sondern bereit ist für die nächsten Abenteuer. Also: Reinigen, schmieren, prüfen – und dann genießt die stille Pracht des Winterradsports, wenn die Welt unter einer Decke aus Schnee und Eis ruht und nur das leise Surren der Reifen die Stille durchbricht.
Ausblick: Im nächsten Teil (Teil 4/4) geht es um Ernährung & Motivation: Wie du genug Kalorien im Winter zu dir nimmst und dich für lange Strecken bei klirrender Kälte motivieren kannst.
Dieser Beitrag ist Teil 3 der Serie “Wintertraining für Langstreckenfahrer” und wurde von Daniel Rausch verfasst.

