Nach drei Monaten in Taiwan bin ich wieder in Deutschland zurück. Gerade fühlt sich alles etwas seltsam an und ich spüre Sehnsucht. Ich merke, dass sich etwas verändert hat – in mir, mit mir. Ich habe diese Reise angetreten, um die Erinnerungen und die Erlebnisse der letzten Jahre zu neutralisieren – nicht um sie zu eliminieren. Das war das primäre und erklärte Ziel meiner Reise nach Taiwan. Es scheint, als wäre ich erfolgreich gewesen. Mir brennt es auch sehr unter den Nägeln, jetzt einen Artikel über Taiwan allgemein zu schreiben, doch erst möchte ich das EINE abschliessen, bevor ich das NEUE beginne.
Über vier Jahre hinweg war ich, sagen wir als Radreisender mit zusätzlichen, privaten Motiven einmal pro Jahr für längere Zeiträume auf den Philippinen. Ich habe dort etliche Brevets auf unterschiedlichen Inseln absolviert, bin jeden nennenswerten Anstieg der Insel Cebu gefahren, habe die Insel mehrmals umrundet und außergewöhnliche Gravel-Touren erlebt. Doch all das tritt nun in den Hintergrund. Heute fühlt sich wie ein guter Tag an, ein passender Moment, um mit diesem Kapitel auf meine Weise abzuschließen. Das Radfahren auf den Philippinen wird als Teil meiner (Lebens) Geschichte in meiner Erinnerung bleiben, aber die Sehnsucht ist gewichen.
Es passt daher gut in die Serie meiner persönlichen „Monster-Anstiege“, wenn ich euch heute von der Auffahrt erzähle, die mich auf den Philippinen hat leiden lassen. Ich schreibe dies als einen Abschluss, vielleicht sogar als Abrechnung. Wie auch immer – ich tue es auf meine Art. Ich schreibe es mir von der Seele. Und versuche dabei, neutral zu bleiben.
Tropischer Albtraum oder Rennrad-Himmel?
Nachdem ich im ersten Artikel noch von einer vertrauten, heimischen Auffahrt im malerischen Allgäu erzählt habe, tausche ich nun den alpinen Gravel und die berechenbare Kühle der Berge gegen den unberechenbaren Asphalt und die wie ein Feuer brennende Hitze von Cebu auf den Philippinen. Es ist ein Wechsel der Welten. Weg von der geordneten Stille hiesiger Passagen, direkt hinein in ein tropisches Szenario, das Material und Nerven auf eine völlig andere Art herausfordert.
Der Transcentral Highway auf der Insel Cebu ist dabei weit mehr als nur ein geografischer Punkt auf der Karte Südostasiens. Er ist eine Grenzerfahrung, die das normale Verständnis von einer klassischen Auffahrt auf den Kopf stellt. Historisch gesehen ist diese Straße ein vergleichsweise junges Monument. Erst mit der Fertigstellung dieser direkten Ost-West-Verbindung in den 1990er Jahren wurde die fast unüberwindbare Barriere der Zentralkordillere bezwungen. Wo früher Reisen zwischen Cebu City und Balamban Tage dauerten oder langwierige Umwege entlang der Küsten erforderten, schneidet der Highway heute in brutaler Direktheit durch das Rückgrat der Insel. Wo früher nur schmale Pfade durch dichten Dschungel führten, wurde der Asphalt mit einer fast schon arroganten Geradlinigkeit in den Fels gesprengt – ohne Rücksicht auf europäische Normen für Steigungsprozente.
Während man in den Alpen oder im heimischen Mittelgebirge oft gegen die eigene Erschöpfung antritt, wird man hier mit einer Umgebung konfrontiert, die keine Sekunde der Unaufmerksamkeit verzeiht. Es geht nicht mehr nur um Wattwerte und Höhenprofile, sondern um das Anpassen an ein Ökosystem aus Hitze, Smog und einer Straßendynamik, die man selbst erlebt haben muss, um sie zu begreifen.

Steile Rampen, tropische Hitze und der tägliche Wahnsinn auf dem Asphalt. Wer den Transcentral Highway auf Cebu Island bezwingt, sucht nicht die Entspannung – man sucht das Limit. Eine Fahrt von Cebu City quer über die Insel nach Balamban und wieder zurück nach Cebu City ist wie ein Ritt auf der Rasierklinge. Zwischen atemberaubenden Bergpanoramen und lebensgefährlichen Überholmanövern stellt sich mir die Frage: War das noch Radsport oder schon Wahnsinn?
Wer die Herausforderung sucht, findet sie oft dort, wo man sie am wenigsten erwartet. Auf der philippinischen Insel Cebu verbindet der Transcentral Highway (TCH) die pulsierende Metropole Cebu City mit der Westküste in Balamban. Was auf der Karte wie eine malerische Bergstraße aussieht, entpuppt sich im Sattel als eine der anspruchsvollsten Strecken Südostasiens. Ein Selbstversuch zwischen 20-Prozent-Rampen, tropischer Kulisse und einem Verkehr, der keine Fehler verzeiht.
Der Auftakt: Die Wand von Busay
Die Fahrt beginnt ohne langes Warmrollen. Direkt hinter dem JY Square in Lahug Cebu verabschiedet sich die Ebene und der TCH zeigt sein wahres Gesicht. Der Anstieg nach Busay ist unter lokalen Radsportlern legendär – jeden Tag am frühen Morgen steigen sie dort mit ihren Rennrädern auf. Nicht wirklich viele Kilometer, aber richtig steil. Und es ist nicht allein die Steigung, die hier fordert. Es ist die Kombination aus stehenden Abgasen der Jeepneys und einer Luftfeuchtigkeit, die den Schweiß schon bei den ersten Kurbelumdrehungen nicht mehr verdunsten lässt.

Technisch gesehen bewegen wir uns hier auf einem Flickenteppich aus Asphalt und rauen Betonplatten. Wer hier mit einem Rennrad unterwegs ist, spürt jede Dehnungsfuge. Während die ersten 500 Höhenmeter im dichten Verkehr noch von erhöhter Wachsamkeit geprägt sind, weicht allmählich der urbane Lärm mit zunehmender Höhe einer fast surrealen Stille, die nur durch das Jaulen der kleinen Motorroller-Motoren unterbrochen wird. Aber dazu müssen erst ca. 30 Kilometer mit ca. 1.500 Höhenmetern bewältigt werden.
Topographie ohne Rhythmus
Das Besondere am Transcentral Highway ist das Fehlen jeglichen Rhythmus. Anders als bei einem Alpenpass, bei dem man sich auf 7 oder 8 Prozent Steigung einpendeln kann, gleicht das Profil der Zentralkordillere eher einer Achterbahnfahrt. Auf eine giftige 20%-Rampe folgt oft eine kurze, rasante Abfahrt, nur um direkt in die nächste Steilung zu führen. Besonders im Bereich um den „Sirao Garden“ erreicht die Intensität ihren Höhepunkt.
Hier oben, auf über 800 Metern, verändert sich die Flora. Farne und dichte Palmen säumen den Weg, und die Temperaturen fallen in einen Bereich, der für europäische Beine deutlich angenehmer ist. Doch die Erholung ist kurz: Die Passage über Gaas ist das Dach der Tour. Wer hier den höchsten Punkt erreicht, blickt bei klarer Sicht tief hinunter in das grüne Hinterland von Cebu – doch die eigentliche Herausforderung wartet noch.
Mt. Manunggal – ein Abstecher in die Vertikale
Um der Route noch meine persönliche Würze zu geben, hatte ich spontan entschieden, noch eine weitere Schwierigkeit einzubauen, bevor mich die Route im Downhill nach Balamban führt. Die Auffahrt zum Mt. Manunggal. Wer denkt, der TCH sei steil, wird hier eines Besseren belehrt. Der Weg zum Gipfel, der auf über 1.000 Metern liegt, ist kein Radweg – es ist eine Aneinanderreihung von Betonrampen, die die 20%-Marke teils deutlich überschreiten.
Hier wird das Rennrad zur Last. Man kämpft um jedes Quäntchen Traktion auf dem teils rauen, teils schottrigen Untergrund, während die Lungen in der dünner werdenden, aber immer noch feuchten Luft nach Sauerstoff brennen. Oben angekommen, am historischen Denkmal des Flugzeugabsturzes von Präsident Magsaysay, herrscht eine fast mystische Stille im Nebel. Ein Moment des Innehaltens, bevor man sich klar wird, dass man erst die Hälfte der Höhenmeter dieser Tour in den Beinen hat.
Doch die Erleichterung am Gipfel ist trügerisch. Wer hier oben am höchsten Punkt steht, hat zwar diese eine Wand besiegt, aber das schwierigste Terrain in Sachen Konzentration liegt noch vor einem. Es ist der Moment, in dem man die Bremsen löst und sich aus der friedlichen Einsamkeit der Wolken direkt zurück in den pulsierenden Downhill des Highways stürzt.


Zwischen Anarchie und Alltag: Die ungeschönte Realität
Wer den TCH befährt, merkt schnell – die größte Gefahr geht nicht von den eigenen Beinen aus, sondern von der Unberechenbarkeit der Umgebung. Die Straßenoberfläche ist ein Kapitel für sich. Der ständige Wechsel zwischen brüchigem Asphalt und groben Betonplatten ist für das Material eine Tortur. Man scannt den Boden permanent nach Schlaglöchern, die tief genug sind, um die Felgen zu ruinieren.
Doch der Fokus darf nie nur auf dem Boden liegen. In den kleinen Siedlungen herrscht ein ständiges, wuseliges Treiben. Kinder spielen am Straßenrand, Hunde stehen mitten in der Straße, schwere Lastwagen parken unvermittelt in Kurven, und über allem liegt das Knattern der unzähligen Motorroller, die oft zu viert besetzt sind und die physikalischen Gesetze beim Überholen dehnen.
Der Faktor „Aspin“ und die „V-Hire“-Psychose
Eine ganz spezifische Herausforderung sind die sogenannten Aspins (kurz von Asong Kalye = Straßenhund) – die einheimischen Straßenhunde. Für einen Rennradfahrer in der Abfahrt sind sie ein unberechenbares Risiko. Oft liegen sie völlig unbeeindruckt vom Verkehr mitten auf der Fahrbahn oder schießen im unpassendsten Moment aus einer Einfahrt hervor.
Das größte psychologische Hindernis sind jedoch die weißen V-Hires. Der Fahrstil dieser Vans lässt sich nur als „optimistisch-aggressiv“ beschreiben. Hupen ist hier kein Zeichen der Aggression, sondern eine Warnung, die oft erst eine Sekunde vor dem Vorbeiziehen ertönt – meist mit minimalem Seitenabstand. In den Haarnadelkurven schneiden sie die Ideallinie – oft genau dort, wo man als Rennradfahrer versucht, den Schwung für die nächste Gegensteigung mitzunehmen.
Der Wendepunkt: Von der Küste zurück in die Vertikale
Die Abfahrt nach Balamban ist ein Spiel mit der Physik und den eigenen Nerven. Über Kilometer hinweg fällt die Straße in kühnen Schwüngen Richtung Westküste ab. Wer hier die Bremsen löst, gewinnt massiv an Geschwindigkeit, doch ein echter „Flow“ will sich kaum einstellen. Zu präsent ist die Gefahr hinter der nächsten unübersichtlichen Kurve. Ein liegengebliebener Lkw ohne Absicherung, eine Ladung Kies oder auch Müll auf dem Asphalt oder ein überholendes V-Hire auf der eigenen Spur fordern die Bremsen zur Schwerstarbeit auf.

In Balamban angekommen, steht man zwar kurz auf Meereshöhe und blickt auf die ruhige See zwischen Cebu und Negros, doch die Erholung ist rein psychologisch. Die feucht-heiße Luft der Küste drückt schwer, und der Blick zurück in die Zentralkordillere flößt Respekt ein. Der Rückweg ist kein sanftes Ausrollen, sondern das exakte Spiegelbild der Qualen. Dieselben Höhenmeter, dieselben Rampen, nun aber von der anderen Seite und noch viel, viel giftiger als vorher. Und mit dem Unterschied, dass die Beine nun bereits die Vorarbeit der ersten Überquerung in den Knochen haben. Wohlgemerkt das alles bei Temperaturen oberhalb von 30 Grad.
Besonders der Wiederaufstieg von Balamban Richtung Gaas zieht sich zäh wie Kaugummi. Während man beim ersten Mal noch von der morgendlichen Frische zehrte, brennt nun die Sonne senkrecht auf den Asphalt. Jeder Meter Schatten ist ein Luxusgut. In den steilsten Passagen, wenn die Geschwindigkeit in den einstelligen Bereich sinkt, wird man zum leichten Ziel für die Hitze und die Abgase der vorbeiziehenden Lastwagen. Es ist dieser Moment, in dem der TCH seinen Tribut fordert – ein zermürbender Kampf gegen die Schwerkraft, bevor man oben am „Top of the Hill“ endlich den finalen Sturzlauf zurück in den Smog von Cebu City antreten darf.
| Kategorie | Daten |
| Start / Ziel | Cebu City / Balamban / Cebu City |
| Distanz | ca. 100 km |
| Höhenmeter | ca. 3.500 hm |
| Durchschnittssteigung | ca. 7 % (stark variierend) |
| Maximale Steigung | ca. 25 % (Auffahrt Mt. Manunggal) |
| Untergrund | Asphalt, raue Betonrampen, Schlaglöcher |
| Anspruch | Extrem |
| Mein Fazit | Außergewöhnliche Erfahrung, erfordert aber starke Nerven |
Das Fazit: Ein finales Kapitel
Zieht man einen grotesken Vergleich zu den Straßen und Anstiegen in der fränkischen Heimat, könnten die Welten kaum weiter auseinanderliegen. Wo wir in Franken die Einsamkeit der Landstraße suchen, bietet der TCH eine Reizüberflutung in Endlosschleife. Es ist eine Strecke, die das Material an seine Grenzen bringt und eine mentale Disziplin abverlangt, die über das reine Treten der Wattwerte hinausgeht.
Ich habe für mich beschlossen, das Thema Philippinen nun endgültig abzuschließen. Die ständige Alarmbereitschaft im Sattel, das Chaos auf den Straßen und die persönlichen Erfahrungen vor Ort haben dazu geführt, dass ich jede Verbindung zu diesem Land verloren habe. Meine Sehnsucht nach einer Rückkehr ist endgültig erloschen. Den Kontrast dazu habe ich mittlerweile gefunden. Nach drei Monaten in Taiwan weiß ich, dass es sie gibt – die perfekte Symbiose aus anspruchsvoller Topographie, exzellenter Infrastruktur und einer ehrlichen Sicherheit, die es erlaubt, sich ganz auf den Sport zu konzentrieren. Taiwan ist für mich der lebenswertere, sicherere Platz zum Radfahren in Asien. Der Transcentral Highway war eine intensive Erfahrung, aber mein Fokus liegt nun auf neuen Horizonten, die mehr Verlässlichkeit bieten.
Oft werden die Philippinen als das Paradies vermarktet, doch hinter der Postkartenidylle verbirgt sich für mich eine Unberechenbarkeit, die über den Straßenverkehr hinausgeht. Wenn ich heute auf diese Zeit zurückblicke, schwingt auch die persönliche Enttäuschung mit, die tiefer sitzt als jeder Muskelkater nach 3.000 Höhenmetern.
Ende der Geschichte.


