Monster-Anstiege, jenseits der Hochglanz-Listen – Nebelhorn, die Wand von Oberstdorf

Ich sitze hier, das neue Jahr hat gerade begonnen und ich lasse meine Gedanken in Richtung 2026 schweifen. Wenn ich heute ein Jahr zurückblicke, hatte ich große Pläne für 2025 – doch dann kam alles anders. Nach meiner Rückkehr nach Deutschland im Februar hat mich eine schwere Covid-Erkrankung komplett ausgebremst. Bis in den Juni hinein hatte ich mit den Folgen zu kämpfen. Ein fieser Strich durch die Rechnung, der mich gelehrt hat, nun etwas demütiger zu planen.

Deshalb gehe ich das neue Jahr vorsichtiger an. Doch ein Termin steht bereits felsenfest in meinem Kalender. Im Juni wartet die ALPI 4000 – ein Super Randonnée durch und über die Alpen. Meine zweite Teilnahme nach 2018. Dieses Brevet ist vermutlich eines der härtesten Grand Brevets weltweit. Ein gewaltiges Projekt, keine Frage. Um physisch und psychisch bereit zu sein, möchte ich im Frühjahr noch einige „harte Nüsse“ knacken – gezielte Herausforderungen als Training und als Vorbereitung für das große Abenteuer im Sommer.

Dabei bin ich über eine Frage gestolpert, die mich gerade nicht loslässt – was sind eigentlich die härtesten Anstiege, die man mit dem Rennrad oder dem Gravelbike fahren kann? In Deutschland, in Europa, weltweit?

Ich fahre das Internet hoch 🙂 und begegne sofort den üblichen Superlativen. In den klassischen Listen folgen meist die üblichen Verdächtigen. Der kahle Riese Mont Ventoux, das endlose Kehren-Ballett des Stilfser Jochs oder die 21 Kurven von Alpe d’Huez. Keine Frage, das sind legendäre Pässe, aber sie sind letztlich für den Straßenrennsport gemacht – gebaut für gleichmäßige Rhythmen, große Gänge und Begleitfahrzeuge. Es sind Monumente des Massensports, die durch ihre Fernsehpräsenz eine Aura der Unbesiegbarkeit erhalten haben.

Wer sich jedoch abseits der Fernsehkameras im Bereich Ultra-Cycling und Gravel bewegt, weiß: Es gibt eine Welt von Anstiegen, die so brutal sind, dass kein Profi-Peloton jemals dort hochgeschickt werden könnte. Es sind Wege, die nicht gebaut wurden, um bequem oben anzukommen, sondern um die Schwerkraft herauszufordern.

Überall finden sich Listen mit Titeln wie „Die härtesten Anstiege der Welt“. Doch während ich scrolle, beginne ich mehr und mehr zu zweifeln. Wie definiert man „harte Anstiege“ überhaupt? Geht es um eine perfekt asphaltierte Straße für das Rennrad oder um einen entlegenen Pass, den ich mir mit dem Gravelbike erkämpfe? Liegt die Schwierigkeit in der endlosen Länge, in den schieren Höhenmetern, in der gnadenlosen Steigung oder im technischen Anspruch des Untergrunds?

Die Suche nach der Vertikalen

Ich denke, die Wahrheit liegt in der Mischung – oft noch gewürzt durch das Wetter, das als unberechenbares Zünglein an der Waage fungiert. Am Ende bleibt jede Bewertung zutiefst subjektiv, denn jeder von uns leidet anders. Und genau da liegt der Schlüssel zu meiner ganz persönlichen Liste: Wie sehr habe ich an welchen Anstiegen gelitten?

Für das Jahr 2026 habe ich mich entschlossen, diesen Grenzerfahrungen eine eigene kleine Serie zu widmen. Ich möchte von meinen persönlichen „Scharfrichtern“ berichten – jenen Anstiegen, die mich physisch und mental wirklich schwer gefordert haben. Den Anfang mache ich direkt vor der Haustür. In Deutschland. Im Allgäu. Als ich versuchte, das Nebelhorn mit dem Gravelbike zu bezwingen.

Abschied vom Schnee, Aufbruch in die Wand

Eigentlich ist das Nebelhorn eher für Ski und Snowboarding bekannt. Ich verbinde viele gute Erlebnisse mit diesem Berg, meist auf dem Snowboard. Doch der Klimawandel hat vieles verändert – auch in meinem Leben. Vor mehr als zehn Jahren habe ich mich entschieden, den Wintersport in der Form, wie ich ihn vorher gelebt hatte, weitgehend zu beenden. Nicht vollständig und sicher nicht für immer – wobei „für immer“ seltsam klingt. Wer weiß schon, was für die Ewigkeit ist? Meiner Erfahrung und Lebenseinstellung nach, ist eh nichts für die Ewigkeit. 

Das Jahr 2021 hat uns während der Pandemie ziemlich konkret gezeigt, wie schnell sich Pläne auflösen können und wie fragil unsere Vorstellungen von Beständigkeit sind. Ich war zu dieser Zeit viel mit meinem Van in den Alpen unterwegs, autark und reduziert auf das Wesentliche. Immer dabei: mein Gravelrad. An einem sonnigen Tag im Juni 2021 beschloss ich – heute ist der Tag, an dem ich die Route von Oberstdorf zum Nebelhorn versuchen werde.

Ich hatte vorher einige Geschichten im Netz gelesen. Von E-Bikern, die entnervt aufgaben, und von Mountainbikern, die an den Steigungen verzweifelt waren. Aber auch von wenigen, die mit dem MTB hochkamen. Ich fragte mich: Geht das überhaupt mit dem Gravelbike? Ich entschied mich für meine bewährte Lebensstrategie: Lets try.

Der Kampf gegen die Physik

Der erste Abschnitt bis zur Seealpe dient lediglich dem Warm-up – sofern man es so nennen will, wenn der Puls bereits in Bereiche schießt, die man sonst nur aus einem Zielsprint kennt. Doch die wahre Prüfung, die physische wie mentale Demontage, beginnt erst hinter der Mittelstation. Hier verwandelt sich der Weg in eine gnadenlose Wand aus Beton und grobem Schotter. Es sind Rampen, die nicht mehr steigen, sondern senkrecht stehen. Wir reden hier von der 35-Prozent-Marke.

Auf einem Gravelbike wird das Ganze zu einem hochgradig akrobatischen Akt. Es geht hier längst nicht mehr um Ausdauer oder die richtige Trittfrequenz. Es geht um das pure physikalische Gleichgewicht. Bei 35 % Steigung reduziert sich das Fahren (wenn es noch möglich ist) auf 2 Faktoren:

  • Der Schwerpunkt: Du musst dich so extrem weit über den Lenker beugen, dass deine Nase fast den Vorderreifen berührt. Es ist ein bizarrer Tanz auf dem Oberrohr, nur um zu verhindern, dass das Vorderrad einfach nach hinten abhebt und dich wie ein störrisches Pferd abwirft.
  • Die Traktion: Gleichzeitig suchst du verzweifelt nach Druck auf dem Hinterreifen. Ein Millimeter zu viel Kraft, ein kurzer Moment unkontrollierten Krafteinsatzes, und das Hinterrad dreht auf dem losen Untergrund gnadenlos durch.

Sobald du hier den Schwung verlierst oder auch nur für eine Sekunde aus dem Rhythmus kommst, ist das Experiment „Fahren“ beendet. Ein erneutes Anfahren ist in dieser Steigung physikalisch schlicht unmöglich. Genau das ist mir passiert. Es gab diesen einen Moment, in dem die Traktion riss und der Vortrieb endete. In einer solchen Wand ist das kein Scheitern, sondern eine Tatsache. Ich habe das Rad geschultert und bin ein Stück gelaufen. Ich persönlich kann mit so etwas gut leben – man muss die Demut vor dem Berg besitzen, um zu akzeptieren, dass manches einfach nicht mehr fahrbar ist. Doch die Mission bleibt, den Gipfel erreicht man trotzdem, auch wenn das Rad in diesem Fall ab und an auf der Schulter liegt.

Oben angekommen, am Edmund-Probst-Haus auf 1.927 m ü. NHN, ist die Welt eine andere. Während die Touristen aus der Seilbahn steigen, um das Panorama für einen flüchtigen Moment auf ihren Displays einzufangen, stehe ich hier wie ein Fremdkörper mit meinem Gravelbike. Kein Mensch ist hier mit einem Fahrrad unterwegs. Irgendwie komme ich mir auch ein wenig deplatziert vor 🙂 Aber man kann es schaffen, also ist es möglich. Und so habe ich es mir nicht nehmen lassen, die letzten Meter bis zum Gipfelkreuz auf 2.224 m in Angriff zu nehmen – das Rad geschultert, Schritt für Schritt. In diesem Moment, dort oben am Kreuz, war das Rad kein Transportmittel mehr, sondern ein Teil von mir. Ein stiller Beweis dafür, dass die Grenzen dessen, was machbar ist, oft nur in unserem Kopf existieren.

Fakten-Box: Das Monster von Oberstdorf

KategorieDaten
Start / ZielOberstdorf (Talstation) / Gipfel 2.224 m ü. NHN
Distanzca. 8 km
Höhenmeterca. 1.300 hm
Durchschnittssteigungca. 15 %
Maximale Steigungca. 35 % (hinter der Seealpe)
UntergrundAsphalt, Betonrampen, feiner & grober Schotter (Gravel)
AnspruchExtrem
FazitKann man machen, muss aber nicht 🙂

Das Nebelhorn war der Anfang und ist definitiv einer meiner härtesten Anstiege, die ich bisher gefahren bin. Im nächsten Teil verlassen wir Europa und ich nehme euch mit zu einem Anstieg, der mich geografisch und mental an ganz andere Grenzen geführt hat.