Im Rausch der Pässe – die Dolomiten, das ultimative Kletter-Paradies für Rennradfahrer

1.887 m ü. NN – diese Zahl kann ich gerade noch auf dem zunehmend, verschneiten Display meines Radcomputers erkennen. Und die Temperatur. 3 Grad Celsius – Tendenz fallend. Wir befinden uns in den letzten Kehren hinauf zum Passo Giau, einem Juwel der Dolomiten. Das rhythmische Trommeln des Regens auf meinem Helm, das uns seit einer Stunde begleitet, verstummt mehr und mehr. An seine Stelle tritt ein lautloses, fast schon hypnotisches Rieseln. Es beginnt dieser fast tranceartigen Zustand, den man beim Radfahren in der Kälte erlebt – man starrt auf das Vorderrad und die Flocken und verliert sich in der Monotonie der Bewegung. Aus dem Grau wird allmählich ein Weiß. Wir sind mitten im Schneefall mit unseren Rennrädern im Hochgebirge.

In diesem Moment trifft mich die mathematische Härte der Realität: Wir haben noch ca. 350 Höhenmeter bis zum Gipfel auf 2.236 Metern vor uns. Mein Kopf, der nur noch mühsam einfache Rechnungen zulässt, spuckt das Ergebnis aus: Pro 100 Höhenmeter sinkt die Temperatur um ein Grad. Da oben am Gipfel wartet die Nullgrenze. Dort oben wartet zunehmender Schneefall auf uns.

Point of no Return

Ich werfe einen Blick über die Schulter zu meinem Gefährten. Er ist erfahren, aber diese Bedingungen – ein Hochgebirgspass im Mai, der sich in eine Wüste aus Schnee verwandelt – sind neu für ihn. Wir sind bis auf die Knochen nass, trotz guter Ausrüstung. „Willst du weiter?“, frage ich, als er aufschließt. „Ab jetzt nur noch Schnee, bis zum Gipfel.“ Umkehren oder Durchziehen? Wir entscheiden uns gegen die Vernunft, zu groß ist die Verlockung, zu weit sind wir bereits gefahren. Die Komfortzone haben wir eh längst hinter uns gelassen und entscheiden uns dafür, weiter zu pedalieren. Was uns nun zusätzlich antreibt, ist der Zeitdruck.

Der Grund für unseren Ritt: die Königsetappe des Giro d’Italia. In Cortina d’Ampezzo sind wir noch bei gutem Wetter gestartet, doch nun quälen wir uns von Norden die Rampe hoch, während die Profis von Süden heranstürmen. Ursprünglich wollten wir das Spektakel oben auf der Passhöhe feiern. Jetzt ist es ein Wettlauf. Wir müssen den Gipfel erreichen, bevor die Streckensperrung uns einkesselt – stundenloses Ausharren in nassen Klamotten auf über 2.000 Metern wäre bei dieser Kälte fatal.

Monochromer Wahnsinn

Schweigend ziehen wir die letzten Kehren durch den Schnee. Die Welt um uns herum ist nun vollkommen farblos. Es herrscht jene Schneeblindheit, die ich sonst nur vom Wintersport mit Ski oder Snowboard kenne – ein konturloses Weiß, das jede Orientierung schluckt. Als wir schließlich die Passhöhe auf 2.236 Metern erreichen, bleibt keine Zeit für den Stolz des Gipfelsturms. Die üblichen Zeremonien reduzieren sich auf ein kurzes, beinahe mechanisches Schulterklopfen. Eine Einkehr in die warme Hütte ist angesichts des Zeitdrucks und der drohenden Sperrung ausgeschlossen. Wir zittern wie Espenlaub, während wir für ein einziges, hastiges Foto posieren. Bitte einmal lächeln, auch wenn es weh tut. Nur zwei Minuten später stürzen wir uns bereits in die Tiefe.

Es wird die härteste Abfahrt unseres Lebens. Jede Kehre verlangt maximale Konzentration, während der Körper vor Kälte unkontrolliert bebt und das Rad unter uns unruhig wird. 1.000 Meter tiefer liegt die Rettung – dort unten, wo der Schnee dem Regen weicht, die Temperaturen wieder steigen. Doch die Straße gehört uns auf diesem Weg nach unten nicht mehr allein. Plötzlich: Sirenen. Blaulicht. Die Motorräder der Polizia schneiden durch den Schnee. Ein Beamter drängt uns mit unmissverständlichem italienischem Nachdruck an den Rand. In einer Kehre kommen wir zum Stehen. Gefangen in der Kälte, die Muskeln vom Warten augenblicklich versteift.

Und dann kommen sie. Zuerst die Teamfahrzeuge, dann die Spitzengruppe: Es ist ein absurder Moment des Fangeistes – mitten in diesem physischen Ausnahmezustand beobachten wir fasziniert, wer die Etappe anführt. Die Profis sehen auch nicht besser aus als wir. Auch ihre Gesichter scheinen wie Masken aus Schmerz und Kälte, gezeichnet von den gleichen Elementen, die uns gerade alles abverlangen. Nach 30 Minuten gibt uns die Carabinieri die Strecke wieder frei. Die letzten Kilometer hinunter nach Cortina auf 1.224 Meter fühlen sich an wie die Rückkehr ins Leben. Der Schnee weicht dem Regen, der Regen der Wärme.

Die Dolomiten sind ein himmlisches Paradies für uns Radfahrer, aber sie bleiben auch ein unberechenbares Territorium. Dass das Wetter am Giau kein Einzelfall war, zeigte sich nur 24 Stunden später am Passo Falzarego: Das Titelfoto am Passschild ist keine dramatische Ausnahme, sondern schlicht die hochalpine Realität, in der Schneefall im Mai jederzeit zur Tagesordnung gehören kann. Oberhalb der Baumgrenze beginnt eine Zone, die sich weder nach dem Kalender noch nach dem Material richtet. Wer hier unterwegs ist, braucht mehr als nur gute Beine – erst die Bereitschaft, sich auf diese wechselhaften Bedingungen einzulassen und vorzubereiten, macht das Erlebnis in den Hochalpen komplett.

Dolomiten (Fotos: © Bernd Rücker)

Ein Guide durch die Dolomiten

Nach einer Grenzerfahrung, wie wir sie am Giau im Schneesturm erlebt haben, stellt sich zwangsläufig die Frage: Warum kehren wir immer wieder zurück? Die Antwort liegt in der einzigartigen Ästhetik dieser Region. Die Dolomiten sind kein gewöhnliches Gebirge; sie sind ein UNESCO-Weltnaturerbe, das für Rennradfahrer wie eine perfekt geplante Arena wirkt. Hier verschmelzen maximale sportliche Herausforderung und eine Kulisse, die so surreal schön ist, dass sie fast künstlich wirkt.

Südtirol bietet diese seltene Kombination aus erstklassigen, griffigen Straßen, legendären Pässen und einem fast mediterranen Flair in den Tälern. Wer hier fährt, sucht nicht nur den Anstieg und das Gipfelglück, sondern auch den Rausch in der Abfahrt. Ich denke, ich kann ohne zu übertreiben sagen, viele schöne Orte zum Radfahren im Leben gesehen und habe weltweit mehr als 100 Passfahrten hinter mir, und doch bleiben für mich die Dolomiten einer der schönsten und atemberaubendsten Plätze der Welt.

Die Glorreichen 7 der Dolomiten

Wer die volle Intensität der Region spüren will, kommt an den „Glorreichen 7“ nicht vorbei. Es ist die legendäre Kombination, die jedes Jahr Tausende Fahrer bei der Maratona dles Dolomites an ihre Grenzen treibt. Für mich sind diese sieben Pässe wie eine perfekt abgestimmte Bildkomposition: Jeder hat seine eigene Farbe, seine eigene Textur und seinen festen Platz im Gesamtkunstwerk.

Diese sieben Gipfel bilden das Rückgrat für ein Abenteuer durch die Dolomiten:

Passo Campolongo (1.875 m): Startpunkt Corvara. Der Anstieg überwindet 353 Höhenmeter auf einer Länge von knapp 6 km. Die durchschnittliche Steigung liegt bei 6,1 %.

Passo Pordoi (2.239 m): Startpunkt Arabba. Die Strecke führt über 637 Höhenmeter und beinhaltet 33 Kehren. Die durchschnittliche Steigung beträgt 6,9 %.

Passo Sella (2.244 m): Startpunkt Kreuzung Pordoi/Sella. Auf einer Distanz von 5,5 km werden 436 Höhenmeterabsolviert. Die durchschnittliche Steigung liegt bei 7,3 %.

Grödner Joch (2.121 m): Startpunkt Plan de Gralba. Der Anstieg umfasst 249 Höhenmeter bei einer durchschnittlichen Steigung von 4,3 %.

Passo Giau (2.236 m): Startpunkt Selva di Cadore. Der Pass gilt mit 922 Höhenmetern am Stück und einer durchschnittlichen Steigung von 9,3 % als der anspruchsvollste Anstieg der Dolomiten..

Passo Falzarego (2.105 m): Startpunkt Pieve di Livinallongo. Die Strecke erstreckt sich über 10,2 km und überwindet 635 Höhenmeter. Die durchschnittliche Steigung beträgt 6,2 %.

Passo Valparola (2.192 m): Startpunkt Passo Falzarego. Der finale Abschnitt umfasst 1,2 km und 87 Höhenmeter bei einer durchschnittlichen Steigung von etwa 7 %.

Das Herzstück: Die Sellaronda

Wenn es eine Tour gibt, die jeder Rennradfahrer einmal im Leben „gezeichnet“ haben muss, dann ist es die Sellaronda. Sie ist das Juwel der Alpen und auf rund 60 Kilometern ein permanentes Wechselspiel aus Anstieg und Panorama. Hier reihen sich Campolongo, Pordoi, Sella und das Grödner Joch nahtlos aneinander und versetzen dich in einen Rhythmus, der fast schon Ekstase auslöst.

Strategische Tipps für die Planung

Damit dein Dolomiten-Abenteuer zum perfekten Erlebnis wird, helfen diese Erfahrungswerte:

Beste Reisezeit & Events: Mai und Juni sind ideal, um den Giro-Spirit hautnah zu spüren, während der September und Oktober oft mit stabileren Wetterlagen, glasklarer Fernsicht und deutlich weniger Verkehr punkten. Ein visuelles Highlight in den Herbstmonaten ist das berühmte Alpenglühen der Dolomitenwände: Da die Felsen aus magnesiumhaltigem Kalkstein bestehen, leuchten sie bei Sonnenuntergang tiefrot bis violett – ein Naturspektakel, das man einmal gesehen haben muss. Wer das pure Radfahr-Erlebnis ohne Motorenlärm sucht, sollte seine Reise nach den spezifischen Terminen ausrichten, an denen die Pässe (Sella, Gardena, Pordoi, Campolongo) komplett für Autos gesperrt sind. Besonders der Sellaronda Bike Day im Juni sowie die legendäre Maratona dles Dolomites im Juli machen die Region in dieser Zeit zum exklusiven Revier für Radfahrer.

Ideale Ausgangspunkte: Orte wie Corvara im Gadertal, Wolkenstein in Gröden oder das legendäre Cortina d’Ampezzo sind perfekte Basislager. Während Corvara und Wolkenstein den direkten Einstieg in die Sellaronda bieten, ist Cortina der ideale Startpunkt für die großen Schleifen über den Passo Giau und den Falzarego. Von hier aus starten die schönsten Routen direkt vor der Hoteltür.

Ausrüstung & Service: Die Infrastruktur vor Ort ist erstklassig. In Zentren wie Wolkenstein, Corvara oder Cortina lassen sich problemlos High-End-Rennräder mieten, falls man das eigene Material schonen möchte oder professionellen Service benötigt. Kleiderwahl: Besonders der Passo Giau ist berüchtigt dafür, sein eigenes Wetter zu machen. Aufgrund seiner exponierten Lage, die Südströmungen direkt abfängt, kann es oben bereits schneien, während es in Cortina nur regnet. Ein wichtiger Tipp für die Planung: Windweste und Thermo-Handschuhe gehören am Giau selbst im Hochsommer zur Standardausrüstung in jede Trikottasche.

Der Wildcard-Tipp: Versuche, die Wochenenden zu meiden. Unter der Woche gehören die Pässe fast dir allein, und der Kontrast zwischen der Stille des Berges und dem Surren der Kette ist am intensivsten. Vor 9:00 Uhr morgens am ersten Pass zu sein, ist Gold wert.

Dolomiten – eine einmalige Radsport-Welt

Rennradfahren in den Dolomiten ist die wohl intensivste Art, diese Alpenregion zu entdecken. Es ist die perfekte Symbiose aus sportlicher Herausforderung und einem Naturerlebnis, das in Europa seinesgleichen sucht. Wenn nicht sogar weltweit. Wer sich auf die Anstiege einlässt, wird mit Panoramen belohnt, die jede Anstrengung sofort vergessen machen.

Und auch die Mischung macht den Reiz aus: Auf der einen Seite steht die sportliche Ehrlichkeit von Pässen wie dem Passo Giau, die einem alles abverlangen können. Auf der anderen Seite wartet der pure Genuss auf der Sellaronda, wo sich Flow und Architektur der Berge zu einem unvergesslichen Erlebnis vereinen.

In den Dolomiten zu fahren bedeutet, den Standard für Radtouren neu zu definieren. Es sind nicht nur die Höhenmeter, sondern die perfekt ausgebauten Straßen, die erstklassige Infrastruktur in Orten wie Cortina, Corvara oder Wolkenstein und die Gewissheit, dass hinter jeder Kehre ein neues Postkartenmotiv wartet.

Die Dolomiten sind mehr als nur ein Ziel auf der Bucket-List – sie sind eine Einladung an alle Rennradfahrer, eine Bergwelt zu erleben, die dich mit jedem Kilometer tiefer in ihren Bann zieht, um unvergessliche Momente auf dem Rad zu sammeln.

(Fotos: © Bernd Rücker)