Seit nunmehr acht Jahren schlägt das Herz der europäischen Fahrradkultur im Düsseldorfer Areal Böhler. Die industrielle Ästhetik der alten Kaltstahlhallen bildet die perfekte Bühne für das, was die Branche aktuell bewegt. In diesem Jahr habe ich mich gemeinsam mit Stephan von vélove auf den Weg ins Rheinland gemacht, um auch dabei zu sein. Unser Ziel – herauszufinden, ob die Cyclingworld ihrem Ruf als eine der wertvollsten Lifestyle- und B2C-Messen tatsächlich gerecht wird. Und auch zu sehen, was im Bereich Ultra Cycling, Gravel, Bikepacking und Langstrecke passiert.
Was mir sofort auffällt: Die Cyclingworld atmet. Wo die Eurobike oft ein erschlagendes Labyrinth ist, zelebriert Düsseldorf eher „weniger ist mehr“. 400 Firmen und 500 Marken verteilen sich so entspannt auf dem wunderschönen Industriegelände, dass man eher von einem Festival-Charakter sprechen muss. Es ist gemütlich, locker und im besten Sinne „Boutique-Style“. Man sollte sich aber 2 Tage Zeit dafür nehmen. Ein Vergleich mit dem International Bike Festival in Rimini liegt nahe – klein, fein, reduziert auf das Wesentliche, gute Stimmung mit guten Leuten. Ich hatte in der Vergangenheit bereits einen Artikel über meinen Besuch beim Festival an der Riviera Romagnola veröffentlicht.
Von Ultra zu Adventure
Gravel und Bikepacking sind auch dort keine Nischenerscheinungen mehr. Was ich jedoch sehe und spüre ist, wir verlassen mehr und mehr das Terrain des rein leistungsbezogenen Ultra Cycling hin zu Adventure Cycling. Als Designer fasziniert mich dieser Begriff ungemein. Er ist visuell aufgeladen, atmet Erlebnis und radikale Freiheit. Es geht nicht mehr nur um hartes Pedalieren, sondern um die Textur der Reise selbst – um den bewussten Ausbruch aus der gewohnten Realität. Ob als kurzes Micro-Abenteuer vor der Haustür oder als wochenlange Expedition in die totale Isolation.
Trotzdem – der Race-Lifestyle ist weiter präsent. Aero bleibt ein bestimmende Thema. Wir sehen volloptimierte Cockpits und Windkanal-getestete Rahmengeometrien – und das längst nicht mehr nur am reinrassigen Renner, sondern zunehmend am Gravelbike. Mir gefällt diese Symbiose aus Effizienz und Abenteuerlust.
Was mir in Düsseldorf jedoch fehlt, ist ein echter visueller Ankerpunkt zum Thema Adventure-Cycling. Die Szene ist zwar da, aber sie wirkt noch zerstreut. Es fehlt ein geologisches Zentrum, das diesen spezifischen „Adventure-Spirit“ bündelt. Vielleicht ist es für 2027 an der Zeit, über eine eigene Halle nachzudenken – einen dedizierten Raum für das Abenteuer. Ich stelle mir einen Community-Hub vor, einen Ort des Austauschs. Eine Workshop-Corner, in der man das Handwerk der Routenplanung lernt, und eine Storytelling-Stage, auf der die Berichte von Reisen über ferne Pässe und einsamen Nächten auf dem Rad erzählt werden.
Meine persönlichen Insights
Ich betrachte eine Messe wie die Cyclingworld nicht durch die Brille eines Mechanikers – was ich auch schlichtweg nicht bin. Mein Blick ist der eines Radfahrers, eines Designers und eines Konsumenten. Mich interessieren weniger die Drehmomente, sondern die Geschichten der Produkte. Was erzählen mir diese Räder über unsere Zeit? Drei Strömungen sind bei mir hängen geblieben:
1. Volumen als Performance-Faktor
Es ist faszinierend zu beobachten, wie sich das physikalische Verständnis von Geschwindigkeit wandelt. 32-Zoll-Laufräder tauchen auf – ob das eine echte Revolution oder eine Spielerei bleibt, wird die Zeit zeigen. Reifen werden auch breiter. Im Rennrad- und Gravel-Sektor hat sich nun überall herumgesprochen, dass hohes Volumen und niedriger Luftdruck kein Widerspruch zu High-Speed sind. Ein Gewinn an Komfort, der gleichzeitig die Effizienz steigert – eine Win-win-Situation im Produktdesign, was nun deutlich sichtbar ist.

2. Made in Germany
Aus Sicht eines Marketing-Experten ist es mehr als begrüßenswert, dass immer mehr Firmen das Label „Made in Germany“ wieder mit Stolz auf ihre Produkte und Werbemittel drucken. Qualität hat wieder eine sichtbare Herkunft. In einer globalisierten Welt, in der Lieferketten oft undurchsichtig sind, wirkt dieses Bekenntnis wie ein Anker. Es geht um Vertrauen, um Handwerkskunst und die Renaissance kleiner, spezialisierter Manufakturen. Das war in der Vergangenheit ein Gütesiegel und sollte auch für die Zukunft so bleiben.
3. Individualisierung als Statement
Das Fahrrad ist längst aus der rein funktionalen Ecke der Fortbewegung ausgebrochen und zum Ausdruck der eigenen Identität geworden. Wir nutzen das Rad als Leinwand. Ob Technik-Nerd, bewusster Anti-Mainstreamer oder Adventurer-Purist – die Wahl der Farbe, das spezifische Setup und das Zubehör sind die Töne, in denen wir unsere ganz persönliche Aussage auf die Straße bringen. Wir kommunizieren über unser Material. Es ist eine Form der Selbstverwirklichung.
Meine Highlights
Trotz der Weitläufigkeit des Areal Böhler gab es Marken, die mir im Gedächtnis bleiben werden. Wenn man über Aero in seiner reinsten Form spricht, kommt man beispielsweise an BALDISO nicht vorbei. In Kooperation mit Bike Ahead Composites und Carbonworks entstehen dort echte Renn-Maschinen aus dem Allgäu, die wie aus einem Guss wirken – extrem individuell, radikal aerodynamisch und konsequent Made in Germany. Ein Statement für jeden, der Geschwindigkeit als visuelle Sprache versteht. Und zu Bike Ahead Composite – deren Gravelrad, das Superfast, war für mich schlichtweg das heißeste Teil des Jahres und hat völlig zurecht den Cyclingworld Award für das beste Gravelrad abgeräumt.

Echte High-Tech-Feinkost gab es auch bei Nonplus Components aus Winnenden bei Stuttgart zu sehen. Diese ultraleichten Naben und Laufräder sind echte deutsche Ingenieurskunst, wobei mich besonders die akustische Signatur fasziniert hat. Der Klang der Naben ist so präzise und sauber definiert, als käme er direkt aus einem High-End-Lautsprecher – Qualität, die man nicht nur sieht, sondern hört.
Dass das Herz des Langstreckenfahrers oft an den kleinen, genialen Lösungen hängt, bewies Y-Mount. Ihr Stabilizer Fork wiegt gerade mal 31 Gramm und eliminiert das nervige Schwingen schwerer Satteltaschen. Ein simples, aber hocheffektives Produkt.
Ein spannendes Signal für den gesamten Markt ist zudem die Wandlung des Scott Addict, das nun spürbar langstreckentauglich wird. Als technisches Kunstwerk an der Grenze des physikalisch Machbaren thronte daneben ein 4,99 kg Konzept-Bike von Bike-Tuner Dangerholm.
Wer tiefer in technischen Details eintauchen möchte, dem empfehle ich die Videos von Stephan, der viele Innovationen und Produkte aus der technischen Sicht unter die Lupe genommen hat.
Fazit
Wird die Cyclingworld die neue Eurobike? Ich denke nicht – und das ist auch gut so. Sie steht nicht in Konkurrenz, sondern besetzt eine eigene, wertvolle Nische. Sie ist der Ort für diejenigen, die das Radfahren nicht nur als Fortbewegung, sondern als Ausdruck von Lebensfreude und Design verstehen. Düsseldorf hat es geschafft, eine Messe zu kreieren, die atmet und inspiriert, statt zu erschlagen. Für uns Adventure-Cyclisten bleibt zu hoffen, dass dieser Spirit in Zukunft einen noch klareren visuellen Ankerpunkt findet, um die Geschichten hinter den Produkten noch lauter zu erzählen.
Titelfoto: www.cyclingworld.de / © Nils Laengner

Mind behind Audax Franconia. Graphic Designer and endurance cyclist. Chasing miles in Franconia or exploring the world by bike. With a love for Italy and a deep fascination with the contrasts of Asia. Sharing stories from traveling. Discussing the culture of randonneuring, gravel cycling, brevets, and the deeper side of cycling.
Contact: bernd@audax-franconia.de
