Alishan National Forest Taiwan – ein hochalpines Rad-Abenteuer im subtropischen Gewand

Wer Taiwan als Radsportdestination erkunden will, kommt am Alishan-Massiv nicht vorbei. Nachdem ich bereits auch den Wuling Pass erfahren habe – jenes Monument, das einen auf 3.275 Meter Höhe führt –, bot der Alishan National Forest eine ganz andere, fast schon sinnliche Perspektive auf die Bergwelt der Insel. Während der Wuling durch seine raue Schlichtheit besticht, ist die Auffahrt auf der Route 18 eine Fahrt durch die kulturelle Seele Taiwans. Es ist eine Entdeckungsreise, die einen fast ohne Unterbrechung von der subtropischen Ebene auf über 2.200 Meter hinauf in den Nationalpark führt.

Geologie und Mikroklima. Ein Berg im Wandel

Taiwan ist geologisch betrachtet ein junges, wildes Gebilde, entstanden durch die Kollision der Eurasischen und der Philippinischen Platte. Das Ergebnis sind steile, zerklüftete Gebirgszüge, die auf engstem Raum bis auf fast 4.000 Meter (Yushan) ansteigen. In der Theorie treffen hier ab einer Höhe von etwa 1.200 Metern warme pazifische Luftmassen auf kühle Bergströmungen, was die berühmten Nebelwälder erschafft.

Bei unserer Auffahrt im frühen Januar war von „warmen Luftmassen“ allerdings wenig zu spüren. Wir starteten bei kühlen 13 °C in einer Mischung aus dichtem Nebel und verhaltenen Sonnenstrahlen. Mit jedem Höhenmeter zog die Kälte tiefer in die Trikots, bis das Thermometer am Ziel unserer Fahrt nur noch magere 5 °C anzeigte. Wie extrem das Wetter hier oben umschlagen kann, bewies der nächste Tag mit echtem Schneefall – ein seltenes Spektakel in diesen Breitengrade.

Rhythmus der inneren Ruhe

Die Route 18, auch als „New Central Cross-Island Highway“ bekannt, fordert eine kluge Planung – was in den Bergen überall und immer zu empfehlen ist. Hinter dem Tempelkomplex von Chukou endet das entspannte Einrollen. Hier bäumt sich die Straße auf. Eine Serie von Haarnadelkurven mit Gradienten jenseits der 10 % zwingt einen in einen Rhythmus, der fast meditativ wirkt. Es ist dieser seltsame Moment, den wohl nur Radsportler verstehen. Wenn der Kopf plötzlich in eine tiefe, fokussierte Ruhe versetzt wird – man ist ganz bei sich, dem Atem und dem Asphalt. 

Der Alishan ist Taiwans populärstes Naturziel, was auch bedeutet, dass man sich die Straße vor allem am Wochenende mit zahlreichen Tourbussen teilen muss. Wer die Ruhe der Bergwelt sucht, sollte – wie wir – entweder extrem früh starten oder die Wochentage nutzen. Die Belohnung ist eine Kulisse, die sich stetig wandelt. Von den perfekt gestutzten Terrassen des Hochland-Oolongs, die wie grüne Wellen an den Hängen hängen, bis hin zu den monumentalen Formosa-Zypressen im Nationalforst.

High Mountain Tea und alpine Stille

Besonders intensiv ist die Zone zwischen 800 und 1.500 Metern. Hier gedeiht der „High Mountain Tea“ (Gao Shan Cha), der durch die hohe UV-Strahlung am Vormittag und den schützenden Nebel am Nachmittag sein besonderes Aroma entwickelt. Es ist eine grafische Ästhetik, die man auf Fotos kaum vollständig einfangen kann – das tiefe Grün der Plantagen gegen das Grau des Nebels.

Sobald man das Tor zum Nationalpark hinter sich lässt, verändert sich die Dynamik erneut. Der Verkehr dünnt aus, die Steigung wird gnädiger und die Vegetation lichter. Hier oben, an der Schwelle zum Yushan Nationalpark, erreicht man eine Zone der Klarheit. Wenn man Glück hat, blickt man auf das legendäre „Wolkenmeer“ (Unkai) hinunter – eine weiße Decke, die alles unter sich verschlingt und nur die höchsten Gipfel wie Inseln freigibt.

Fazit

Alishan in Taiwan ist für jeden Radsportler ein Muss, der mehr als nur nackte Pass-Statistiken sucht. Es ist eine technisch perfekte Straße durch eine hochemotionale Landschaft. Man kehrt nicht nur mit brennenden Beinen zurück, besondern auch mit wunderschönen Bilder, die von der Schönheit und der kulturellen Tiefe Taiwans erzählen.

Quick Facts: Cycling Alishan (Route 18)

KategorieDetails
Start / ZielChiayi City (ca. 30m) – Alishan National Forest (ca. 2.200m)
Distanzca. 75 – 80 km (je nach Startpunkt in Chiayi)
Höhenmeterca. 2.100 – 2.300 hm (aufgrund einiger Gegenanstiege)
Maximale SteigungPunktuell über 10 % (besonders im unteren Drittel bei Chukou)
KlimazonenSubtropisch (Ebene) bis Hochalpin (Gipfelregion)
Beste ReisezeitGanzjährig möglich; Herbst/Frühjahr ideal; im Januar Kälteeinbrüche bis 0°C möglich
HighlightsTeeterrassen von Shizhuo, Formosa-Zypressen, Wolkenmeer, endloser Downhill-Ride 🙂
VerpflegungAusgezeichnete Versorgung durch 7-Eleven & FamilyMart (bis ca. 2.000m)