My Orbit360 – Sachsen-Anhalt, zum Brocken und zur höchsten Spitze im Norden von Deutschland ⛰️

ORBIT360 – Sachsen-Anhalt
285 km // 2.740 hm

Einmal auf den Brocken in den Harz – von Magdeburg aus, und dann wieder zurück. Das war der Plan für Sonntag. Es war von Anfang auch Regen gemeldet, ich habe das im Vorfeld zur Kenntnis genommen 🙂 Trotzdem starte ich zum zweiten Mal in dieser Woche bei einem Orbit. Zwei Orbits pro Woche sind nicht ganz einfach, schon einer davon fühlt sich für mich wie ein MTB-Marathon oder wie ein 600-KM Brevet an. Ich multipliziere die Länge der Strecke immer mit 2, ergo kostet ein 300 K Gravel- oder MTB-Kurs für mich die gleiche Kraft, wie ein 600 K Brevet auf Asphalt. Da wird es dann schon sportlich, auch vom logistischen Aufwand betrachtet. Und die Pflege am Rad, das alles muss in einer Woche zu schaffen sein. Wenn dann noch Regen dazu kommt, wird das Ganze zusätzlich eine andere Nummer (was mir ja ehrlich gesagt ziemlich taugt). Und hier beim Orbit Sachsen-Anhalt kam Regen dazu 🙂 

Ich starte direkt am Wasserkreuz in Magdeburg, im Ortsteil Hohenwarthe. Top Sache – raus aus dem Van und los, ein Parkplatz befindet sich genau am Startpunkt. Die ersten Kilometer entlang der Elbe, an der Elbuferpromenade Magdeburg entlang. Optimal um langsam aufzuwachen. Wie schön dieses Morgenrot, denke ich mir – im nächsten Gedanken „Morgenrot – schlecht Wetter droht!“. Bereits nach 10 Kilometern beginnt der Regen, erst ganz leicht, später wird es wie aus Kübeln schütten. Während sich der Kurs zwischen schönen, fahrbaren und schnellen Schotterabschnitten mit groben Feldwegen mischt, lässt sich bereits ein unscharfer Blick in Richtung Harz erahnen. Dieser Blick gibt die Richtung an. Ab KM 65 bis KM 95 sehe ich nicht viel Schotter, überwiegend Feldwege, Gravel vermisse ich hier. Und es schüttet und schüttet und schüttet.

Mit dem Eintauchen in den Harz erscheinen wieder die ersten Steinwege. Ab hier geht’s dann auch kontinuierlich bergauf. Von KM 105 bis KM 145, die Spitze oben am Brocken. Den ersten Teil dort hoch durch Waldpassagen, einiges an Schotter und Steinen, aber auch viel auf Waldwegen. Keine anspruchsvollen Trails, keine Wurzeln auf den Wegen. Nur immer wieder der Blick von abgeholzten Bäumen. Je weiter man nach oben kommt, desto mehr erscheint der Kahlschlag. Hier stirbt definitiv und unverkennbar der Wald im Harz. Nicht wirklich schön anzusehen. Die eigentlich Rampe hoch zum Brocken, bei der ca. 650 Höhenmeter zu überwinden sind, verläuft dann auf Asphalt. Ab hier auch ohne Regen, die Sonne kommt zum Vorschein. Für ein paar Stunden, aber für die besten Stunden bei dieser Tour. Während mich summende Stromräder überholen – ich war wohl der Einzige ohne Motor – geniesse ich die Wärme, die meine durchnässte Kleidung rasch trocken lässt. Die Auffahrt ist nicht wirklich schwer zu fahren, man kann meist im Sattel sitzen bleiben, die Steigungen eher moderat. Ca. 13 Kilometer führt diese Straße mit den 650 Höhenmetern hoch zum Brocken. Der höchstgelegenste Punkt im Norden von Deutschland. 1141,2 m ü. NHN. So hoch haben wir es hier im Fichtelgebirge nicht 🙂 

Oben angekommen, leicht überrascht von den Menschenmassen, die sich dort bewegen, überlege ich mir, es wären diese ganze Leute auf unserem höchsten Punkt im Fichtelgebirge, dem Schneeberg mit seinen 1051 m ü. NHN. Unvorstellbar! 🙂 Dort triffst du eher selten Menschen, ein paar Wanderer oder Radfahrer. Aber selten Touristenschwärme wie dort am Brocken. Liegt vielleicht daran, dass am Brocken eine Bahn hoch fährt. What ever – ich mache dort eine schöne ausgiebige Pause, schieße ein paar Fotos und nehme dann wieder Kurs auf. Ich denke, ich könnte auch viel schneller sein, würde ich nicht so viele Pausen machen. 🙂

Die Abfahrt über die Panzerstraße schnell, anfangs mit hohen Tempo, dann aber eher gemäßigt, nachdem mir bei dem Ritt über die Betonplatten die Hände und Bremsen fast verglühen. Am Ende ein anspruchsvoller Wurzeltrail durch den Wald, nichts schwieriges, jedoch auch nur mit gemäßigten Tempo zu fahren. Hier erscheint dann die Talsperre Eckerstal. Ein beschaulicher Ort, der zum Entschleunigen einlädt. Hier verlief die ehemalige innerdeutsche Grenze. Genau hier zwischen Stauraum und Staumauer war das Land bis 1989 geteilt. Freiheit ist etwas besonderes. Und nichts Selbstverständliches. Man kann sich gut vorstellen, wie die Grenzsoldaten dort ihren Job erledigt haben, auf beiden Seiten. Und jetzt fahre ich einfach so über diesen Abschnitt hinweg und verlasse Sachsen-Anhalt in Richtung Niedersachsen. Entlang der ehemaligen Grenze fahre ich weiter auf abgelegenen Waldwegen, die Spuren von damals sind hier und da noch zu erkennen. Ich finde das wirklich interessant. Daher lass ich mir auch wieder Zeit, stoppe ein paar Mal, mache Fotos, lese die Infotafeln dazu. Genau – lesen, nicht nur Radfahren 😉 denn hier gewinnt eh keiner eine Bratwurst, daher kann man sich auch mit dem Kurs auseinander setzen, insofern er Substanz beinhaltet.

Bei Stapelburg im nördlichen Harz fahre ich dann wieder in das Bundesland Sachsen-Anhalt zurück. Bei ca. KM 170 verlasse ich den Harz und lasse die Hügel hinter mir. Schön so – denn wie bereits in Baden-Württemberg habe ich auch hier irgendwann genug vom Wald und will einfach raus. So schön diese Ruhe auch für ein paar Stunden ist, auf Dauer bin ich im Wald gelangweilt. Immer die gleichen Wege, ständig die gleiche Optik. Leider wird ab hier nicht mehr groß etwas Spektakuläres zu sehen oder zu befahren sein. Wieder viele Waldwege und Wiesenwege und zusätzlich vom wieder einsetzenden Regen ganz viel Schlamm. Schwer zu fahren, keine Sache um groß Tempo zu machen. So geht das dann nahezu die letzten 100 Kilometer. Spätestens nach dem x-ten Wiesenweg hatte ich wieder das gleiche Gefühl, wie schon ein paar Mal vorher bei den Orbits – jetzt hätte man allmählich den Sack zu machen können. Mir persönlich erscheinen allgemein die Distanzen der Orbits ca. 50 Kilometer zu umfangreich. Nicht wegen der Distanz per se, sondern bezüglich Attraktivität von Kurs und den zu fahrenden Untergründen. Man spürt, das man hier versucht auf hohe Zahlen zu kommen, große Zahlen zu schreiben. Das Ganze ist ja auch eine große und wirklich tolle Sache. Eine Veranstaltung dieser Größenordnung mit einem festen Team aus nur zwei Personen zu führen – das gebührt meinen Respekt und auch den Dank aus der Sicht eines Teilnehmers. Nur irgendwann fordert solch ein Streckenprofil eben seinen Tribut. Bei mir ist das die Lust, die manchmal verloren geht. In stoischer Ruhe versucht man dann den Rest der Strecke abzufahren, nur das Ziel vor Augen, Hauptsache fertig machen. So richtig Spaß macht das für mich nicht mehr (außer der Kurs in Sachsen, hier war Rhythmus, der hatte eine Story, bis zum letzten Kilometer). 

Wie geschrieben – warum nicht ein wenig kürzer, dafür aber mehr Gravel-Qualität im Streckenprofil? Mir kann es ja auch egal sein, ich nehme die Dinge im Leben wie sie kommen. Und trotzdem denke ich nicht nur als Teilnehmer, sondern auch aus der Sicht eines Veranstalter und Planer von Kursen. Und auf vielen Abschnitten der Kurse hast du wirklich viel Zeit zum Nachdenken. Oder zum fluchen 😀 Kurz um – es würde der Veranstaltung wohl guttun, wären die Kurse ein wenig kürzer und würde man z. B. öfter auf diese in hohen Umfang eingebauten Wiesenwege verzichten und diese durch attraktive Schotterpassagen ersetzen. Ich bin mehrmals auf Wiesenwegen gefahren, bei denen ich auf der Landkarte unmittelbar neben dem Kurs tatsächlich echte Schotterstücke gesehen habe. Dort wäre ich viel lieber mit dem Gravelrad unterwegs gewesen. Sich in der Planung alleine auf einen Service wie Komoot zu verlassen empfinde ich als bedenklich. Auf Asphalt-Kursen lässt sich das gerade noch vertreten, aber im Gelände, da müssen Veranstaltungskurse real geprüft, abgefahren und bei Bedarf korrigiert werden. Schon alleine der Sicherheit wegen gegenüber den Teilnehmern. Eben so, wie wir das mit Bikepacking Franconia getan haben. Oder wie Ralph bei seiner Schottergaudi im Karwendelgebirge. Oder Holger beim Eifel Graveller, Ken mit seiner Greffelründsche Frankfurt und Jesko beim Taunus Bikepacking. Gutes Scouting macht zwar viel Arbeit – am Ende soll es aber auch Spaß machen. Besonders wenn der Kurs dem Ende hingegen geht, will man den Spaß doch aufrecht erhalten. “Quält sie doch nicht so – lasst sie doch im Finale ausrollen!”. Jeder Teilnehmer, der hier 200 Kilometer mit dem Gravelbike durch gekommen ist, der ist schon ein echter Held. Denn die Kurse sind rückblickend betrachtet alles andere als leicht. Es soll ja auch nicht leichter sein, darum geht es mir auch nicht. Ich suche selbst immer und ständig nach Herausforderung im Sport (und das nicht erst seit gestern). Und alle Orbits die ich bisher gefahren bin, waren eine echte Herausforderung. Und dann ist für mich das Finale eines Kurses meist ein besonderer Moment, überall und in jeder Disziplin. Da wäre es doch ziemlich nice, dieses Finale auch so zu gestalten.